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CORONA UND DIE WOHNUNGSMÄRKTE – AUSWIRKUNGEN AUF DEMOGRAPHIE UND PROGNOSE

2019 sind in Deutschland nach vorläufigen Angaben des statistischen Bundesamtes 939.536 Menschen gestorben – 15.338 weniger als 2018. In den Wochen von Mitte März bis Mitte April lag die Sterblichkeit leicht über dem Durchschnitt der Jahre 2016 bis 2019, was als Übersterblichkeit bezeichnet wird. Aktuell nimmt die Abweichung wieder leicht ab. In den letzten Wochen starben rund 2.500 bis 3.000 Menschen pro Tag, der Anteil der Corona-bedingten Todesfälle lag dabei zwischen 1 % und 7 %, in einigen stark betroffenen Kommunen allerdings auch darüber. Im Vergleich dazu hat das nationale Statistische Amt Italiens (Istat) für den März 2020 im Vergleich zum Durchschnitt der Jahre 2015 bis 2019 eine um 49 % erhöhte Sterbefallzahl ermittelt.

Das Ziel, die Zahl Corona-bedingter Sterbefälle möglichst gering zu halten, wurde bisher erreicht. Auch im weiteren Verlauf des Jahres ist eine relativ geringe Übersterblichkeit wahrscheinlich, wenn die bisherigen Maßnahmen – auch im Fall einer zweiten Infektionswelle – weiterhin greifen. 

Zu den Auswirkungen auf die Geburtenfälle liegen naturgemäß noch keine Daten vor. Die Frage, ob die Zeit der sozialen Distanzierung eher zu mehr oder eher zu weniger Geburten führt, dürfte nachrangig und Anfang nächsten Jahres geklärt sein. Stärker könnten sich die unsicheren wirtschaftlichen Perspektiven auf den Geburtswunsch auswirken. Denkbar sind ein temporärer Aufschub und damit eine gewisse demographische Delle.

Gravierender sind jedoch die Auswirkungen auf das Wanderungsgeschehen. Durch das Schließen zahlreicher Grenzen hat die Zahl der aus dem Ausland Zuziehenden drastisch abgenommen, aber auch die Zahl der Umzüge innerhalb Deutschlands und innerhalb der Kommunen sind zurückgegangen. So nahm nach einer ersten, unbereinigten[1] Auswertung der Statistikstelle der Stadt Jena die Zahl der Zuzüge ab dem 23. März (13. Kalenderwoche) drastisch auf 5 % bis 10 % der Vorjahreswerte ab. Auch die Umzüge innerhalb der Stadt sind um ca. drei Viertel zurückgegangen.

Zuzug nach Jena je Kalenderwoche

Zuzg nach Jena

Zuzüge aus dem Ausland sind überwiegend ausbildungs- und arbeitsmarktbedingt. Die beginnende Wirtschaftskrise dürfte kurzfristig zu einem starken Rückgang der Zuzüge führen, entsprechend dürfte es für zahlreiche deutsche Städte – anders als in den Vorjahren –zu stagnierenden oder schrumpfenden Einwohnerzahlen kommen. Die weitere Entwicklung ist zum einen abhängig davon, wie schnell sich die Arbeitsmärkte in Deutschland erholen und damit auch wieder das Thema des Fachkräftemangels aktuell wird. Zum anderen stellt sich die Frage, wie schnell die wirtschaftliche Krise in den Herkunftsländern beendet werden kann. Sollte in Deutschland die Wirtschaftskrise schneller und besser gemeistert werden als in anderen EU-Staaten, wird es wieder zu einem stärkeren Arbeitsmarktgefälle kommen – ähnlich wie nach 2008 – und der Zuzug wird wieder deutlich zunehmen.

 

Sind nun alle Bevölkerungsprognosen falsch?

Kaum einer der bisher erstellten Bevölkerungsvorausberechnungen dürfte das Szenario einer Pandemie zugrunde liegen, ebenso wenig wie das einer „aus heiterem Himmel“ kommenden Rezession. Bei den natürlichen Komponenten der Geburten- und Sterbefälle wird es zu geringen Veränderungen kommen, die sich durch Vorzieh- und Nachhol-Effekte mittelfristig zum größten Teil ausgleichen können. Hier spielen die langfristigen Trends der steigenden Lebenserwartung und des Geburtenwunsches eine dominantere Rolle. Das Wanderungsgeschehen wird kurzfristig deutlich von den prognostizierten Werten abweichen. Ob auch hier mittelfristig mehr Zuzüge zu einem Ausgleich führen werden, ist denkbar, zum jetzigen Zeitpunkt aber nicht abschließend einschätzbar. Insofern sind für die Jahre 2020 und 2021 mehr oder weniger deutliche Abweichungen der realen Bevölkerungsentwicklung von der prognostizierten zu erwarten. Aus dieser erwartbaren Delle kann jedoch nicht umstandslos auf einen langfristigen Abwärtstrend geschlossen werden. Denn die beschriebenen Ausgleichsbewegungen werden wieder zu einer demographischen Welle führen, die Frage ist nur, in welcher Größenordnung dies stattfinden wird. Auf jeden Fall ist für zukünftige Prognosen das Jahr 2020 als prognostische Basis wenig geeignet, ähnlich wie es auch das Jahr 2015 war.

Tobias Jacobs

 


[1]    So ist in den nächsten Wochen noch mit Nachmeldungen und Korrekturen zu rechnen.


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