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CORONA UND DIE WOHNUNGSMÄRKTE – HOMEOFFICE – BRAUCHEN WIR NUN ALLE EIN ARBEITSZIMMER?

Dem Ausbruch der Corona-Pandemie folgten weitreichende, teils schwerwiegende Eindämmungsmaßnahmen mit deutlichen Auswirkungen auf das öffentliche, berufliche und private Leben. In Konsequenz der präventiven Gesundheitsvorsorge wurde eine Vielzahl von Arbeitsplätzen vorübergehend in private Wohnungen verlagert – im deutschsprachigen Raum auch als „Homeoffice“ bezeichnet.

Vielzahl der Deutschen möchte im Homeoffice arbeiten

Mehrere aktuelle, aber auch in der Vergangenheit durchgeführte Befragungen zeigen, dass der überwiegende Teil der Berufstätigen Gefallen an der Arbeit vom heimischen Arbeitsplatz aus findet und auch nach Abklingen der Pandemie das Homeoffice zumindest teilweise für die berufliche Tätigkeit nutzen möchte. Die Zahl der in Deutschland Beschäftigten im Homeoffice ging jedoch gemäß einer Untersuchung des Deutschen Institutes für Wirtschaftsforschung (DIW) aus dem  Jahr 2016 auf Basis der Mikrozensusdaten entgegen dem EU-weiten Trend bei Selbstständigen stetig zurück bzw. stagniert unter Arbeitnehmern. Um zu den EU-weiten Spitzenreiter-Ländern Luxemburg, Schweden und Island mit mindestens einem Viertel der Beschäftigten im Homeoffice aufzuschließen, ist es für deutsche Beschäftigte noch ein weiter Weg. Dabei sind bei etwa 40 % der Beschäftigten (zumindest teilweise) Tätigkeiten von zu Hause aus möglich.  Bislang wurde von Seiten vieler Betriebe und Behörden die Möglichkeit für Homeoffice nicht eingeräumt – Corona bringt sie nun dazu, sich Chancen und Risiken anzusehen. [1] [2]

Homeoffice hat Vorteile…

Das Homeoffice bietet Vorteile, die in diesen Zeiten noch interessanter erscheinen, wie zum Beispiel das ungestörte Arbeiten mit Abstand. Gleichzeitig spart es Arbeitswege und damit Zeit und entlastet dadurch Verkehrssysteme, Umwelt und den Arbeitnehmer. Je nach Absprache mit dem Arbeitgeber ergeben sich für Angestellte Optionen, flexibler und im eigenen Takt zu arbeiten. Die Zeitersparnis und der Verbleib in der eigenen Wohnung ermöglichen es grundsätzlich, private und berufliche Aufgaben besser „unter einen Hut zu bringen“. Wobei die Chancen und Risiken der Überlastung – gerade für Familien in Corona-Zeiten – eng beieinander liegen.

Auch für Unternehmen und Personalverantwortliche bietet das Homeoffice Vorteile. Studien deuten darauf hin, dass Unternehmen, die ihren Mitarbeitern Homeoffice – zumindest teilweise – ermöglichen, ihre Arbeitskräfte auch langfristiger im Unternehmen halten können, denn: Menschen, die die Möglichkeit zur Nutzung von Homeoffice haben und diese auch nutzen dürfen, sind wesentlich zufriedener mit ihrem Arbeitsplatz. Gleichzeitig könnten gekoppelt mit Desk Sharing Einsparungen bei großen Büroflächen erfolgen.. 

…aber auch Nachteile und stellt hohe Anforderungen an Mensch, Raum und Technik

Damit Ablenkungen im privaten Haushalt sich nicht negativ auswirken, erfordert es vom Arbeitnehmer oder Selbstständigen hohe Selbstdisziplin, eine gute Tagesstruktur sowie ausgeprägte Organisationsfähigkeit. Auch muss mehr Eigenverantwortung in Hinblick auf Arbeits- und Gesundheitsvorschriften übernommen werden. Ebenso müssen Sozial- und Fachkompetenzen stimmen: Denn wer allein arbeitet und nur hin und wieder Abstimmungen mit seinen Kollegen bedarf, benötigt die Fähigkeit, selbstständig zu arbeiten – wozu erst Berufserfahrung und Qualifikation führen. Außerdem sind hohe kommunikative und digitale Kompetenzen hilfreich.

Gleichzeitig fordert Homeoffice auch von Arbeitgebern und Personalverantwortlichen hohe Kommunikations- und Organisationskompetenzen sowie das Vertrauen in die Leistungsbereitschaft des Mitarbeiters.  Dies setzt bei Personalverantwortlichen voraus, die Themen „Anwesenheit“ und „Leistung“ zu entkoppeln.

Daneben muss das Unternehmen auch adäquate Technik zur Verfügung stellen können: ein Laptop zum mobilen Arbeiten muss vorhanden sein, ebenso wie eine gute digitale Unternehmensinfrastruktur und aktuelle und sichere Datenschutzlösungen. Dies kann allerdings nur dann erfolgreich genutzt werden, wenn in der privaten Wohnung des Arbeitnehmers auch die räumlichen und digitalen Voraussetzungen – insbesondere eine gute Internetverbindung – für Homeoffice vorhanden sind. Aber ein eigenes Arbeitszimmer oder zumindest eine ruhige Arbeitszone besitzt nicht jeder Haushalt.

Dies bestätigt die in Österreich im April 2020 durchgeführte Studie des Gallup Instituts für die Raiffeisen Immobilien Vermittlung Ges.m.b.H.: Demnach hatten 28 % der Befragten die im Homeoffice arbeiteten Probleme, sich dafür in ihrer Wohnung ausreichenden und geeigneten Platz zu schaffen. Nachvollziehbarer Weise war der Anteil unter jenen besonders hoch, die in kleinen Wohnungen bis 60 m² wohnen – damit eng verbunden entsprechend auch unter jungen Menschen zwischen 20 und 30 Jahren, die gehäuft in kleinen Wohnungen leben. Auch Bewohner von Wohnungen mit Wohnflächen zwischen 90 und 120 m² hatten vermehrt Platzprobleme – wahrscheinlich handelte es sich dabei oft um Familien mit Kindern.[3]

Vorhandener Platz für Homeoffice nach privater Wohnfläche in m² (N=312)

Grafik Homeoffice

Homeoffice birgt weitere Risiken

Allerdings liegt auch ein Risiko für den Arbeitnehmer darin, dass Unternehmen durch Homeoffice auch Kosten auslagern könnten. Arbeitszimmer, Technik, Büromaterial und Internet kosten Geld. Dies bedarf zahlreicher Regelungen, auch in steuerlicher Hinsicht. Und wird aus der Möglichkeit eines Homeoffice eine Pflicht, könnten damit Personen aufgrund fehlender räumlicher, technischer oder finanzieller Möglichkeiten vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen werden. Im Ergebnis kann dies sogar zu sozialer Ungerechtigkeit führen oder sie verschärfen. Bereits das Thema Homeschooling hat offengelegt, welche Hürden bei einkommensschwachen Haushalten in Bezug auf Raum und Technik bestehen.

Homeoffice ist nicht in jedem Beruf möglich     

Es liegt in der Natur der Dinge, dass einige Tätigkeiten oder Berufe ganzer Branchen nicht von zu Hause zu leisten sind. Grundsätzlich eignen sich nur Tätigkeiten für die Arbeit am eigenen Schreibtisch, die weitestgehend selbstständig, ohne komplexe Abstimmungen, auch per Videokonferenz, ausgeführt werden können und für die es keiner speziellen Hilfsmittel und Maschinen bedarf. Dies trifft überwiegend auf Bürotätigkeiten und arbeitszeitlich wenig regulierte Berufe zu, – zum Beispiel in Verwaltung und Wissenschaft. Das DIW stellte in seiner Studie 2016 auch heraus, dass dies überwiegend auf höherqualifizierte Beschäftigte zutrifft. Der Informationsdienst iwd hat weiterhin für die 1. Aprilwoche 2020 ermittelt, in welchen Branchen während der Pandemie-Zeit – schnell und unkompliziert – Homeoffice-Lösungen möglich waren: Die meisten Beschäftigten im Homeoffice wurden für die Informations- und Kommunikationsbranche sowie die Energiewirtschaft ausgemacht – über 50 % befanden sich hier im Homeoffice. Viele Stadtverwaltungen hatten hingegen erhebliche Schwierigkeiten, die Voraussetzungen für Homeoffice zu schaffen.

Kurzfristig nur geringe Auswirkungen auf die Wohnraumnachfrage

Die Corona-Eindämmungsmaßnahmen haben zweifelsohne für viele Firmen zu einem Lernprozess in Hinblick auf neue digitale Organisationsformen geführt. Zahlreiche Arbeitnehmer und Arbeitgeber haben die Vorzüge des flexiblen Arbeitens von zu Hause zumindest für begrenzte Arbeitszeiten für sich entdecken und ihre Rahmenbedingungen und Bereitschaft anpassen können. Was in außergewöhnlichen Zeiten der Pandemie gelernt wurde, kann nun gezielt und je nach Bedarf schneller in den Arbeitsalltag eingebracht werden: Neue Kommunikationswege, digitale Projektmanagementtools und Organisationsstrukturen dürften weiter genutzt werden. Vor diesem Hintergrund gaben in der zitierten österreichischen Studie immerhin 74 % der befragten Berufstätigen an, nach der Pandemie gern weiterhin im Homeoffice arbeiten zu wollen.[4] Entscheidend ist dabei jedoch, ob mit der Nutzung von Homeoffice nur temporär an einigen Tagen in der Woche eine Flexibilisierung der Arbeit erfolgt oder durch eine vollständige Nutzung eine Verlagerung des Arbeitsortes stattfindet.

Die vorangegangene Diskussion von Vor- und Nachteilen sowie Herausforderungen hat gezeigt, dass Homeoffice nicht vollumfänglich und überall umsetzbar ist und sogar Risiken für Gesundheit, Datensicherheit oder sogar die soziale Gerechtigkeit in sich bergen kann. Hinzu kommt die mietrechtliche Problematik einer gewerblichen Nutzung von Wohnraum. Es bedarf vielfältiger günstiger Rahmenbedingungen – erst dann kann die Arbeit innerhalb der eigenen vier Wände erfolgreich umgesetzt werden.

Bei einem Teil der Wohnungen der interessierten Haushalte sind diese bereits gegeben. Bei den anderen bedarf es jedoch entsprechender Anpassungen der aktuellen Wohnsituation oder eines Umzugs in eine Wohnung, die größer ist und in der eine bessere Organisation eines Arbeitsbereichs möglich ist – dies muss nicht unbedingt ein eigenes Arbeitszimmer sein. Ein Umzug erfolgt in der Regel aber nur, wenn das Homeoffice eine langfristige Perspektive bildet und sich damit höhere (Miet-)Kosten und womöglich die Veränderung der sozialräumlichen Bezüge lohnen.

Insgesamt ist daher in naher Zukunft mit einer Ausweitung des temporären Homeoffice zu rechnen. Die Etablierung eines vollständigen Homeoffice dürfte hingegen erst sehr langsam zunehmen. Die zukünftige Wohnungsnachfrage dürfte sich vor diesem Hintergrund kaum merkbar ändern und durch andere Wohntrends überlagert werden. Es lohnt sich aber, bei Modernisierung und Neubau von Wohnungen für die sich verändernden Ansprüche an die verschiedenen Nutzungsbereiche innerhalb einer Wohnung – die sogenannten Wohnzonen[5] – neue Grundrisslösungen zu entwickeln.

Katharina Schmidt


[1]    Brenke, K. (2016). Home Office: Möglichkeiten werden bei weitem nicht ausgeschöpft. Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung e.V., Wochenbericht Nr. 5

[2]    Pierenkemper, S. (2020). Wie gelingt die Heimarbeit? Institut der Deutschen Wirtschaft Köln e.V., https://www.iwd.de/artikel/nie-mehr-allein-zu-haus-466136/  (Stand: 15.06.2020)

[3]    Österreichisches Gallup Institut für Raiffeisen Immobilien Vermittlung Ges.m.b.H. (2020). Wohnen in Zeiten von Corona (Quantitative Befragung, N=1.000).   https://www.gallup.at/de/unternehmen/news/wohnen-in-zeiten-von-corona/ (Stand: 15.06.2020)

[4]    In Österreich lag nach Angaben des DIW 2016 der Anteil der Arbeitnehmer, die manchmal oder immer im Homeoffice arbeiteten 2014 etwas über 15 % – und damit deutlich über dem Anteil unter Deutschen (ca. 8 %).

[5]    Zum Konzept der Wohnzonen vergleiche „Wohntrends 2030“ (GdW-Branchenbericht 6), S. 90f.


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